"Kommunikationsmacht. Was ist Kommunikation und was vermag sie? Und weshalb vermag sie das?" von Jo Reichertz
VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1. Aufl. Okt. 2009. 267 Seiten, ISBN: 978-3-531-16768-8
Rezension von Dr. Susanne Hartmann, 06/2010
Praxisnutzen: *
Konzeptionell: ***
Theoretische Relevanz:***
Unbehaglicher Blick auf die Kommunikation
Jo Reichartz fühlt sich unbehaglich: Dieser Zustand ereilt den Duisburger Professor für Kommunikationswissenschaft besonders dann, wenn er aktuelle Literatur zum Thema Kommunikation liest. Der seiner Ansicht nach häufig verengte Blick auf Kommunikation als Prozess, bei dem ein Sprecher anderen Menschen seine Absicht mittels sprachlicher Zeichen kundtut, ist schuld daran.
Der häufigen Ausblendung des alltäglichen „Macht-Faktors“ in der Kommunikation setzt er mit seinem Buch ein Signal entgegen. Wirkung, Handlungsbeeinflussung – wie funktioniert das und warum? „Mich interessiert, weshalb kommunikatives Handeln unter Anwesenden meist die gewünschten Folgen und Wirkungen erzielt“ formuliert er in der Einleitung zum Buch und legt nach eigenem Bekunden eine „Wasserstandsmeldung“ vor, zu den Fragen, was Kommunikation ist, was die Aufgabe von Kommunikation ist, was Kommunikation vermag und weshalb Kommunikation dies vermag.
The Age of Communication
Die zentrale Frage lautet für Jo Reichartz: „Wie ist Kommunikation möglich?“ In seinem Buch betreibt er den Versuch, eine historische sozialtheoretische Kommunikationswissenschaft zu begründen. Historisch deshalb, weil alle Element der Kommunikation historisch erarbeitet und damit in ihre Zeit gebettet und gebunden sind.
Der Blick auf Kommunikation ist also nicht auf die Aspekte Medien und Theorie beschränkt, sondern nimmt stattdessen das zeitdiagnostische Potenzial von Kommunikation in den Blick und schaut auf seine kulturellen und sozialen Formen.
Wer jetzt denkt, „na endlich“, und sich an die Lektüre des Buches macht, der sei gewarnt: Trotz eingängiger Einstiege, plakativer Headlines und vielen Beispielen sind diese rund 250 Seiten keine leichte Kost. Dafür bekommt man Antworten und Reflektionen zu den kommunizierenden Personen (Wer kommuniziert und wer handelt? Das Ich? Die Vernunft?), zur kommunikativen Kompetenz und Regelbeherrschung sowie eine ausführliche Darlegung zur Geschichte des Kommunikationsbegriffs.
Weisheiten eines Gangsters
Grundlagen genug, um sich schließlich mit der eigentlichen Frage, der Wirkung von Kommunikation zu beschäftigen. Mit dem einleuchtenden Satz des amerikanischen Gangsters John Dillinger: „Nichts ist so überzeugend wie ein gutes Argument. Außer vielleicht ein gutes Argument mit einer geladenen Pistole“ leitet Reichertz seine Analysen zur Macht von Kommunikation ein. Auch hier geht er – zu Recht – äußerst umfassend vor: „der gesamte Prozess der menschlichen Verhaltensabstimmung mithilfe von symbolischem Handeln und Tun“ steht in seinem Fokus. Die Erkenntnis, dass diese Kommunikation als gesellschaftlich gewebtes Netz von Symbolen, Taten und Emotionen nie alleine zwischen zwei Parteien stattfindet, sondern immer vor dem gesellschaftlichen Miteinander vollzogen wird, ist dabei so einfach wie revolutionär.
Kommunikation ist nach Reichertz vor allem deshalb effektiv, weil sie den Akteuren Motive für ihr Handeln nahelegt und somit Identität gestaltet – wenn die Beteiligten eine Beziehung miteinander eingegangen sind. Die Öffnung für relevante Beziehungen und die Bereitschaft, Verpflichtungen einzugehen, ermöglicht, ganz wertneutral, Kommunikationsmacht. Durch diese Mechanismen gewinnt Kommunikation einen nachhaltigen Charakter – im Gegensatz zu Herrschaft, die mit Gewalt durchgesetzt wird.
„Entscheidend für die Macht der Kommunikation sind die Beziehung und die daraus erwachsende Bedeutung der Kommunizierenden für die Identitätsarbeit des Gegenübers. Ist diese Bedeutung groß genug, dann kann Kommunikationsmacht auch stärker als Herrschaft und Gewalt sein.“ Mit diesen Schlussworten entlässt Reichertz den Leser in seine kommunikative Praxis – und zumindest im Bereich der Unternehmenskommunikation kann man sich diese Botschaft nicht langsam genug auf der Zunge zergehen lassen. Der altmodische Begriff der Glaubwürdigkeit bekommt so plötzlich wieder größeres Gewicht und es wird deutlich – wie Reichertz in einer Fußnote erwähnt – warum die medial geschulte Generation Web 2.0 aufwendig gestrickte crossmediale Kampagnen zwar goutiert, ihnen aber deshalb noch lange nicht folgt.
Aber haben das die Kommunikationsexperten nicht immer schon gewusst?
Die Rezensentin
Die Kölner PR-Beraterin und Wirtschaftsjournalistin Dr. Susanne Hartmann hat sich auf integrierte Kommunikation für mittelständische Unternehmen spezialisiert. Sie betreut die externe Kommunikation der Soennecken eG und anderer Unternehmen und Wirtschaftsinstitutionen. Die zertifizierte PR-Spezialistin legt bei ihrer Arbeit besonderen Wert auf die praxisnahe Verbindung von PR-, Marketing und publizistischen Themen. Ihre langjährige Erfahrung als Texterin, Autorin und Journalistin sowie als Hochschuldozentin setzt sie bei mittelständischen Unternehmen im Sinne von kreativen und praxistauglichen Kommunikationsstrategien um. (www.hartmann-pr.de)

